Fahrschule Ernährung – die Buchrezension

Überraschend … toll!

Fahrschule Ernährung - von Ulrike Richter, erschienen im Verlag Freies Geistleben

Fahrschule Ernährung - von Ulrike Richter, erschienen im Verlag Freies Geistleben

Fahrschule Ernährung – von Ulrike Richter, erschienen im Verlag Freies Geistleben

Selten habe ich mich von einem Buchtitel so täuschen lassen – und das im positiven Sinne!

Erwartet habe ich ein Kompendium mit Tabellen und Diagrammen zur gesunden Ernährung, eine Art Lehrbuch, das einem in gewohnter Weise Vitamine, Ballaststoffe und Nährwerte näherbringt und die bekannten guten Ratschläge mit einem Blick auf Kalorien und Joule  würzt.

Bekommen habe ich eine Kulturgeschichte des Essens und des Kochens mit Betriebsanleitung! Das hat mich überrascht und gefreut – nicht immer ist mehr drin als außen drauf steht! Und ganz nebenbei: Sich in der modernen Ess- und Kochkultur nicht blenden zu lassen ist auch einer der Schwerpunkte des Buches!

Aus dem Inhalt

Dass möglicherweise Verlag oder Autorin selber mit dem Titel haderten, zeigt die für meinen Geschmack etwas lang geratene Einleitung.
Was hat eine Fahrschule mit Ernährung zu tun?” fragt die Headline – das erschließt sich mir eigentlich schon direkt, die teils bemühten Parallelen sind da eher Stolpersteine auf dem Weg in das ansonsten sehr gelungene Buch.

In der Gliederung des Inhalts ist die Analogie zur Fahrschule aber passend: Es gibt eine großen “Theorie”-Teil und einen kleineren “Praxis”-Teil. Eine Prüfung muss man aber nicht gleich ablegen, vielleicht später dann, im Alltag ;-)

Die Theorie

Wie für Digital Natives geschrieben überschreibt sich das 1. Kapitel mit “Der heimische Herd wurde mobil” und eröffnet überraschend und mit einem Augenzwinkern: “Als Eva den Apfel pflückte, ging sie einer Laune nach – sie wurde vom Genuss gelockt … . ”
Auch hier: Das ist nun definitiv nicht das, was ich hoffen durfte, in einer “Fahrschule Ernährung” lesen zu können: Sinnlichkeit en passant und Genuss als legitimer Beweggrund!

Doch dann wird es ernst und so dem Thema gerecht: “Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen …”!  Zwischen Trieb, Tradition und Gesellschaft bezieht die Autorin im Folgenden eindeutig Stellung und differenziert fein zwischen Kult und Kultus.

Molekularküche ist “Kult”, Kochkunst aber nur noch im Wortsinne und letztlich – ich stimme Ulrike Richter zu – dekadent und jenseits des “guten Geschmacks”!

In ihrem Kaleidoskop der Kulturgeschichte der Ernährung ist für sie Essen und Kochen immer “Kultus”, war die Zubereitung von Speisen somit im Wortsinne Dienst an Göttern jedweder Couleur und ist bis heute letztlich und vor alledem: Dienst an den Menschen

Gesellschaft und Ernährung – kontrovers

Zum Kultus  gehört bis heute auch das “Kaleidoskop” der Ge- und Verbote in Glauben und Religion – von der rituellen Würdigung von Speisen bis hin zum Verzicht auf die Selben.
Dem Zeitstrahl uns dem  Zeitgeist folgend ändert sich im Laufe der Jahrhunderte Einstellung und Wissen zu Nahrung und Ernährung: Es folgt der Trend der Veränderung und der TV-Koch dem Ernährungswissenschaftler. Ob Natur oder Häppchen, fremde Länder, viel und billig oder Chilled-Food – alles beleuchtet die Autorin Ulrike Richter in ihrer Fahrschule Ernährung.

Und bevor sie provokativ drei Kapitel mit der Überschrift “Als die Frauen den Löffel abgaben” folgen lässt formuliert sie nicht weniger pointiert: Arme Leute sind dick – reiche Leute sind dünn! und versucht ihre These mit einer einfachen Fallstudie zu belegen.
Sehr interessant in diesem Zusammenhang sind die “zuckersüßen” Hinweise auf Abhängigkeiten zwischen politischem Willen, wirtschaftlichen Interessen und ernährungsbedingten Krankheiten.

Männer und Frauen – Herd und Kühlschrank

Auf den nächsten fast 30 Seiten geht´s zur Sache – und ans Selbstverständnis von Koch und Köchin.
Intelligent und sachkundig, aber auch pointiert und mit feiner Ironie führt Ulrike Richter ihre Leser in die Garküchen der Geschlechter und startet den Parforceritt durch die Jahrhunderte der Herrschaft über das Besteck mit dem Statement: “Zum ersten Mal gaben die Frauen den Kochlöffel etwa im 16. Jahrhundert ab”

Was folgt ist absolut lesenswert und wird – wie auch die anderen Teile des Buches – passend zum Motto “Fahrschule” – strukturiert und getaktet durch unübersehbare Stopschilder. Diese lassen den „Fahrschüler“ in persönlichen Fragen das eben “Gelernte” reflektieren und bringen die Inhalte noch einmal ganz nahe an den Leser.

Kultiviert kochen und essen!

Ein kurzer Einblick in das “enorme Geschäft Ernährung” mit einigen der prägnantesten der vielen gelungenen Formulierungen dieses Buches führt über in die nächsten Kapitel!

Altes Rom – finsteres Mittelalter und … die Erfindung von Messer und Gabel!  Was sich “gehört” war und ist immer dem Zeitgeist unterworfen. Und doch: Vieles was im “Alten Rom” schon zum guten Ton gehörte ist trotzdem heute noch immer nicht überall und bei jedem Teil von Esskultur und Tischsitte. Überzeugen Sie sich beim “Stopschild” auf Seite 134!

Die Praxis

Den Theorieteil ihrer Fahrschule Ernährung schließt die Autorin Ulrike Richter stilgerecht: “Sie kennen die Fahrtrichtung, haben in den Spiegel geschaut und können den Rückwärtsgang einlegen.”
Mit KnowHow, Selbsterkenntnis und Motivation dürfen wir uns also in die Küche wagen!

Wie einfach ist Kochen?

Die Autorin meint: Kochen kann einfach sein, muss es aber nicht!
Um für alles gerüstet zu sein führt uns die Autorin fachkundig durch die Küchenpraxis und beginnt natürlich bei der Ausstattung derselben. Explizit aber werden in eigenen Kapiteln noch einmal Messer und Töpfe behandelt – richtig wie ich denke, wobei die Messer bei mir eindeutig bevorzugt behandelt und die Töpfe eher vernachlässigt werden. Aber man kann ja dazulernen!

Planen – einkaufen – kochen

Bevor mit Hilfe der abschließenden Rezepte die praktische Prüfung in der ”Fahrschule Ernährung abgelegt werden kann, gibt die Autorin den Lesern erst noch eine Reihe nützlicher Tipps und Tricks zum Einkauf und zur Ernährungsplanung mit auf den Weg – den Routenplaner, um im Bild zu bleiben.
Da ist Wissenswertes zu Essig und Öl oder zum “weißen Gold” genauso mit dabei wie Hinweise zum Arbeitsplan, Wochenplan oder zur Vorratshaltung.

Das rundherum gelungene, in Teilen überraschende und empfehlenswerte Buch schließt mit nützlichen Literaturhinweisen und Kontaktadressen.


Weitere Informationen zu Buch und Verlag sowie zur Bestellmöglichkeit unter:
Fahrschule Ernährung – von Ulrike Richter im Verlag Freies Geistleben.
Vermittelt wurde das Rezensionsexemplar freundlicherweise von „Blogg dein Buch www.bloggdeinbuch.de

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