Nacktschnecken, Nematoden und das biologische Gleichgewicht

Marienkäfer - Larve

Auch Marienkäferlarven mit ihrem Appetit auf Blattläuse sind ähnlich den Nematoden Phasmarhabditis hermaphrodita biologische Helfer im Garten

Das Päckchen mit Kühlpack ist vor einigen Tagen angekommen: 60 Millionen Fadenwürmer oder Nematoden zur Eindämmung der Nacktschnecken. Ich will die ja nicht bekämpfen, die arbeiten ja auch in meinem Kompost und auch ohne jede augenscheinliche “Nützlichkeit” ist jede Lebenform einzigartig und wunderbar – auch Nacktschnecken!

Aber ich will mich etwas wehren, auch meinen Anspruch an das Stück Land und dessen Gewächse zum Ausdruck bringen.

Klar ist: der Garten ist kein ungestörtes, in Jahrtausenden fein ausbalanciertes Biotop, in dem durch die Gesetze der Natur jeder Kreatur – inklusive dem Menschen – genau seine Grenzen gesetzt sind. Der Garten ist ein hochgradig gestörtes Ökosystem, in dem immer mal der Wunsch oder die Gefahr besteht, dass sich eine der Arten aus Fauna und Flora auf Kosten der anderen vermehrt – gewollt oder ungewollt. Garten ist eben gestaltete Natur, am besten mit und nicht gegen sie, aber nie paradisisch unberührt. Der Rasenliebhaber setzt auf die Monokultur einer einzigen Süßgrasart, der Gemüsegärtner ist da schon vielfältiger und sorgt sich um seine zwanzig, dreißig Arten mit jeweils einer Reihe ertragreicher Sorten. Ich auch, aber ich lasse auch aus Faulheit und Überzeugung alles wachsen und krabbeln was nicht beim Unkrautjäten oder versehentlich Drauflatschen den Geist aufgibt.

Wenn Nacktschnecken nun auch für den gleichmütigen Ökogärtner zum Problem werden, dann zeigt sich nicht das Böse in der Nacktschnecke, sondern die manchmal einseitige Dynamik eines gestörten Lebensraumes. Übrigens: Gestörte Biotope sind hundertmal spannender als welche im Gleichgewicht. Ein 300 Jahre alter natürlicher Buchenwald ist erhebend, aber bzgl. Artenreichtum eher unspektakulär und bleibt es auch die nächsten 100 Jahre. Ein Loch im selben Wald, durch einen Sturm gerissen, bietet in den ersten 10 Jahren vielfältigste, ständig in Veränderung befindliche ökologische Nischen für unzählige Arten vom Säuger bis zur Pilzspore.

Aber zurück zu den Nacktschnecken!

Ich weiß also:

  • dass in meinem Garten zwangsläufig – weil eben gestaltetes Stück Natur – nicht alles im ökologischen Gleichgewicht ist,
  • weil ich möglichst viel schmackhafte Salate, Kohlrabi und Sonstige Leckereien ernten will.
  • Dass das die Vermehrung der Nacktschnecken begünstigen kann und
  • diese sich nun über jede frisch gepflanzte Gemüsepflanze, jeden eben gesprossenen Keimling hermachen.

Aber ebenso sicher empfinde ich auch mich als Teil des “Lebensraumes Garten” mit berechtigten Ansprüchen an dieses Stück Land und versuche die mit Augenmaß zu erreichen. Dazu will ich nichts bekämpfen, sondern auf ein Maß zurückdrängen, das eine gedeihliche Koexistenz ermöglicht. Das tun übrigens alle anderen Millionen von Lebewesen in meinem Garten auch: Die Bäume wollen auf Kosten aller anderen Pflanzen ans Licht, die Rauhblattgewächse wie Vergissmeinnicht ungenießbar sein, die Ameisen züchten Blattläuse und die Maienkäfer fressen sie …

Und ich klaube die Nacktschnecken zusammen, locke sie in Bierfallen oder hole mir eben Hilfe von anderen Lebewesen, die als natürliche Gegenspieler die aus dem Ruder gelaufene Nacktschnecken-Population begrenzen sollen.
Nematoden oder Fadenwürmer, konkret Phasmarhabditis hermaphrodita, die sich i, Laufe der Evolution auf das „Verspeisen“ von Nacktschnecken spezialisiert haben.

Es gibt 20.000 verschiedene Arten von Nematoden. Wahrscheinlich sind sie die individuenreichste Gruppe unter den vielzelligen Tieren auf diesem schönen Planeten.
In einer Hand voll Erde sind ca. 1000 Nematoden und ein Dutzend Arten, sie seien nachgerade ein Gradmesser für die Bodenqualität, so Sebastian Höss vom Institut für Biodiversität Regensburg. Sie lebten dort zwischen den Bodenpartikeln und ernährten sich von Bakterien, Pilzen, Pflanzenresten oder auch räuberisch von anderen Lebewesen, wie eben – vereinfacht gesagt – von Nacktschnecken.

Die Millionen von per Gießkanne ausgebrachten Nematoden Phasmarhabditis hermaphrodita werden mit Sicherheit nur einen Teil der Nacktschnecken erwischen, mehr braucht es auch nicht. Es ist nicht Krieg und das ganze militärische Vokabular von Bekämpfung bis Vernichtung ist im Garten wie auch sonst im Verhältnis Mensch und Natur total fehl am Platze. Sie sollen nur helfen, einen bestimmten Bereich wieder etwas näher ans biologische Gleichgewicht zu bringen und mir zu meinem wohl verdienten Salat.

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