Buchrezension: Slow Wine – Die Avantgarde der Winzer

Slow Wine - Die Avantgarde der deutschen Winzer

Slow Wine – Die Avantgarde der deutschen Winzer mit einem Riesling vom Weingut Vols auch im Glas!
Ulrich Steger und Kai Wagner im oekom verlag
Mai 2013, 256 Seiten

2013 war das Jahr der Nachhaltigkeit. Hans Carl von Carlowitz – im 16. Jhd. einer der obersten Kammerherrn des sächsischen Kurfürsten – hat das heute so wichtige Schlüsselprinzip der Nachhaltigkeit als erster in seinen ganzheitlichen ökonomisch-sozialen und  ökologischen Aspekten erkannt.

Carlowitz war dabei kein ökologischer Träumer: er hat diesen Ansatz forstwirtschaftlich genutzt, um einer drohenden Versorgungskrise entgegen zu wirken. Er war in seinem KnowHow auf der Höhe der Zeit, pragmatisch-weltläufig und zielorientiert – wie wir nachhaltig wirtschaftenden Kleingärtner eben ;-) und
… die Slow Wine Avantgarde der deutschen Winzer.

Langandauernde Regentage sind für den Küchen- und Genußgärtner zumal im Frühjahr keine Freude. Nutzen kann er sie, wenn er sich die Garten- und Küchenlektüre vornimmt, die bei Schönwetter zwangsläufig ungelesen bleibt. So kommt dann auch endlich der Gartenblogger zu seinem Recht und greift für den nächsten Artikel zur ansprechenden Neuerscheinung “Die Avantgarde der deutschen Winzer – Slow Wine und seine Erzeuger im Portrait” von Ulrich Steger und Kai Wagner.

Wie nahe sich Wein und Gemüse, Winzer und Gärtner sind, zeigt sich nicht erst in der Küche und auf dem Esstisch. Ich weiß noch gut, wie ich in jungen Jahren zwischen den Rebstöcken eines Freiburger Weinbergs knackigen Feldsalat ernten konnte und auch die 1902 gegründete Königliche Wein-, Obst- und Gartenbauschule in Veitshöchheim vereinigt bis heute als Landesanstalt für Wein und Gartenbau beide Kulturen.

Slow Food, Slow Wine, Slow Media –
Die Entdeckung der Langsamkeit

Zurück zur Buchbesprechung: Die beiden Autoren werfen im Teil I des Buches gewichtige Fragen auf: Was zeichnet qualitativ hochwertigen Wein aus? Welche Rolle spielt der Geschmack? Und wie wichtig ist neben Anbau und Verarbeitung der je eigene Stil des Winzers? Wie das griffige “Slow Wine” – die Philosophie vom “langsamen Wein” – in der Winzerpraxis zwischen Weinberg und Weinkeller gelebt und umgesetzt wird, zeigt der Slow Wein Führer in 46 lebensnahen und pointierten Portraits deutscher Winzerpersönlichkeiten im umfangreichen zweiten Teil.

Slow Wine ist – wie Slow Food – gelebte Nachhaltigkeit ganz im Sinne Carlowitz´. Neu und für den Gartenblogger von Belang ist Slow Media, dessen Manifest auf das nachhaltige Produzieren und Konsumieren von medialen Inhalten abzielt. Slow Media – heißt es beispielsweise – sind auratisch: „Slow Media strahlen eine besondere Aura aus. Sie erzeugen in dem Nutzer das Gefühl, dass das Medium genau in diesen Augenblick seines Lebens gehört“. Auch Slow Food und vielleicht ganz besonders Slow Wine sind in diesem Sinne auratisch.

Das Konzept “Slow” steht in allen Ansätzen für Achtsamkeit bei der Wahl der Zutaten, um Konzentration in der Herstellung und gegen schnelle, unbedachte Konsumierbarkeit. “Slow” ist einladend, gastfreundlich und teilt gerne. Somit lade ich Sie in dieser Buchrezension ein auf eine kleine Reise zu Slow Wine und den besonderen Winzern Deutschlands zwischen Leidenschaft und Zukunftsverantwortung. Interessante Querverweise finden Sie am Ende des Beitrags.

“Am Anfang war der Wein… “

So spannend wie apodiktisch beginnt das wertig aufgemachte Buch aus dem oekom-Verlag. Der Biologe Josef H. Reichholf würde vielleicht augenzwinkernd widersprechen und sagen: Am Anfang war das Bier – aber das ist eine andere Geschichte rund um Mystik und Extase als dionysisches Prinzip am Anfang der Sesshaftwerdung der Menschheit.

“Am Anfang war der Wein – und erst dann kam Slow Food”: Damit führen uns die Autoren im Teil I des Buches über Slow Wine und seine Winzer zurück in den apollinisch-politischen Diskurs vor der Jahrhundertwende (wie das klingt…). Für alle, die in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts schon wach und erwachsen genug waren um – im wahrsten Sinne des Wortes – über den Tellerrand hinausschauen zu wollen, ist Slow Food seitdem ein Begriff.

Im erwachenden ökologischen Bewusstsein und nach schweren Lebensmittelskandalen, wie den mit Methanol gepanschten Barolo, tat Aufklärung not für die Akteure im Handlungsfeld Essen und Trinken. Auf regionaler Ebene sollten Produzenten und Konsumenten von Lebensmitteln ihr Wissen austauschen und voneinander lernen. Der Geschmack sollte gebildet werden als schärfste Waffe im Kampf gegen die nicht nachhaltige Selbstausbeutung der Produzenten und Standorte, gegen den Betrug am Verbraucher und den Verlust kulinarischen Wissens.

Essen und Trinken sind so gesehen politische Handlungen. Ulrich Steger und Kai Wagner nehmen den Leser mit in die Zeit, als der Wein und die Weinskandale den jungen piemontesischen Intellektuellen Carlo Petrini und seine Freunde Anfang der 1980er Jahre zur Gründung der Amici del Barolo veranlassten. Als später die Vereinigung Arcigola ins Leben gerufen wurde, folgte das Essen dem Wein auf dem Fuß, will sagen Rebstock. Und Arcigola war die Keimzelle der Slow-Food Bewegung. Noch heute ist die Verbindung von Wein, Slow Food und Politik eng und mit Slow Wine kehrt das Konzept “Slow” wieder an seine Wurzeln zurück und fordert Respekt vor der Natur und dem Menschen, Besinnung auf regionale Identität und gutes Handwerk sowie den achtsamen Einsatz von Technik.

Slow Wine – Qualität braucht Zeit

„Langsame“ Weine kommen nicht von langsamen Winzern. Im Gegenteil: Die wunderbaren und mit Empfehlungen aus dem jeweiligen Weinkeller versehenen Portraits der Winzer und Winzerinnen im Hauptteil des Buches zeigen äußerst umtriebige, ja teils umgetriebene und dem “gut, sauber, fair” mit Leib und Seele verschriebene Weinbäuerinnen und Kellermeister. Die sich widerborstig in dieser “time is money”-Gesellschaft eben Zeit nehmen für die Gestaltung ihrer einzigartigen Weine. Zeit, als einen der entscheidenden Faktoren auf dem Weg des Weins von der Rebe ins Weinglas.

Und was Zeit im Weinberg bedeutet, kann nachgelesen werden in “Die Avantgarde der deutschen Winzer” – unter anderem im Winzerportrait des Weinguts Prüm an der Mosel. An dessen berühmten Steillagen wird seit über 2000 Jahren Weinbau betrieben – das gibt dem Begriff vom “nachhaltig Wirtschaften” eine ganz handfeste Dimension und hat dem alten Carlowitz sicher vorgeschwebt, als er in seinem epochalen Werk „Sylvicultura oeconomica“ 1713 eine „continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung” der Ressourcen forderte. Nur am Rande: Dies ist genau die Stelle, an der die Nachhaltigkeit im modernen Sinne zum ersten Mal urkundlich erwähnt wird! Und auch dieses barocke Grundwerk des nachhaltigen Wirtschaftens hat der oekom-Verlag in einer bibliophilen, gleichwie für den modernen Leser zugänglichen Ausgabe im Programm.

Über Geschmack muss gestritten werden

Es ist einer der Grund-Sätze des Slow Food Mainfests: “Geschmack ist keine Geschmackssache, sondern eine historische, kulturelle, individuelle, soziale und ökonomische Dimension, über die durchaus gestritten werden soll.” Und deshalb ist dem Geschmack in “Die Avantgarde der deutschen Winzer – Slow Wine und seine Erzeuger im Portrait”  auch ein so umfangreiches  wie interessantes Kapitel gewidmet. Denn guter Geschmack ist ein aktiver Lernprozess und die Geschmacksverflachung ein Ziel der Nahrungsindustrie von McDonalds bis Coca Cola.

Aspekte des im Slow-Wine-Führer so prominent platzierten Themas “Geschmack” findet – wenn auch in anderen Worten – klaren Ausdruck im Slow Media Manifest: “Slow Media fördern Monotasking: Slow Media lassen sich nicht nebenbei konsumieren, sondern provozieren die Konzentration der Nutzer. So wie die Herstellung eines guten Essens (oder Weins, Anm. des Verf.) die volle Aufmerksamkeit aller Sinne eines Koches und seiner Gäste erfordert, können Slow Media nur in fokussierter Wachheit mit Genuss konsumiert werden.”

Das Buch, der Verlag und das Konzept “Slow”

“Slow Media nehmen ihre Nutzer ernst” heißt es, Transparenz ist ein Teil davon und wenn der Verlag oekom umfangreiche Leseproben zum Buch zur Verfügung stellt, lebt der Verlag seine selbst verlegten Prinzipien. Und wenn dieser in der Öffentlichkeitsarbeit für seinen wirklich empfehlenswerten Führer durch die Welt des „Slow Wine” auch auf die schnelllebigen Social Networks setzt, so ist das kein Widerspruch zum Konzept “Slow”. Denn Punkt 12 des Slow Media Manifests bringt es auf den Punkt: “Slow Media sind progressiv, nicht reaktionär: … Slow Media sind kein Gegensatz zur Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit von Twitter, Blogs und Social Networks, sondern eine Haltung und Art sie zu nutzen”.

In diesem Sinne Dank an den Verlag oekom und Bloggdeinbuch für die Möglichkeit, dieses auch für den Genußgärtner absolut empfehlenswerte Buch zu rezensieren und das Weingut Vols, das den passenden Wein dazu sponserte.

Die Reise ist noch nicht zu Ende

Die Lektüre von “Die Avantgarde der deutschen Winzer – Slow Wine und seine Erzeuger im Portrait” von Ulrich Steger und Kai Wagner hat mich begeistert. Und noch sind einige wenige Winzerportraits zu lesen, die Deutschlandreise zu Winzern zwischen Leidenschaft und Zukunftsverantwortung ist also noch nicht ganz zu Ende. Um die Reise abzuschließen, besuche ich meinen Musentempel, die Freisinger Q-Bar (Slogan: Kaffee-Kunst-Wein).
“Hannes, den Chardonay bitte … . Danke, übrigens: der ist wirklich ganz ausgezeichnet!”
“Ja, der ist vom Terre di Ger, einen Slow Food Winzer in Friaul. Garibaldi in München hat ihn im Sortiment.“

Und das Weinhaus Garibaldi hat auch mit Prüm und Fürst zwei der im Slow Wine Führer besprochenen Weingüter im Sortiment, die zudem in dem im Januar erschienenen Deutschland-Weinführer der Zeitschrift “Der Feinschmecker“ als Top-Weingüter die Höchstbewertung erreichten.
Inhaber des Weinhandelshauses Garibaldi ist Eberhard Spangenberg, einer der Mitbegründer von Slow Food Deutschland – usw usf …

Die Welt ist also klein, und deswegen müssen wir uns langsam, achtsam darin bewegen und sie nachhaltig nutzen. Carlowitz hat es vorgedacht, Slow Food konzipiert und Slow Wine und seine Winzer machen es uns vor. Ein Slow Gardening zum Beispiel wäre auch ein überdenkenswertes Projekt … .

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